Wiedersehen nach 5 Monaten

Ende Mai haben wir Tansania verlassen. Wir hatten die Nase voll von der afrikanischen Bürokratie und den langsam mahlenden Mühlen. Wir benötigten eine Auszeit, wir waren komplett ausgelaugt. Seitdem leben Peter und Yvonne wieder in Europe, genauer gesagt in der Schweiz und haben wieder in einem ganz gewöhnlichen Leben Fuss gefasst. Wir gehen einem geregelten Job nach und haben uns an die europäischen Annehmlichkeiten wieder gewöhnt.

Ende Oktober war die Probezeit vorbei und wir nutzen die erste Gelegenheit, wieder nach Tansania zu reisen. Wir schauten zwiespältig auf die Reise: Im Mai überschatteten die Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen hatten, noch alles andere. Wir waren für die schönen Seiten des afrikanischen Lebens blind geworden. Jetzt hatten wir zwar etwas Distanz gewonnen und freuten uns auf die Reise und doch machten sich auch Befürchtungen breit: Wie werden wir das Kinderheim vorfinden? Wie geht es den Kindern? Behandeln sie die Hunde anständig? Wir waren über die Monate in regem Kontakt über WhatsApp und Email und doch blieb die Ungewissheit. Fotos und Nachrichten können täuschen.

Spät am Abend des 1. Novembers kamen wir im Bassari Haus an. Die Kinder schliefen bereits, die Hunde aber waren hellwach und begrüssten uns stürmisch. Wir legten uns müde ins Bett und waren doch schon früh wieder wach, um die Kinder noch vor dem Frühstück begrüssen zu können. Die sechs kamen erst zögerlich aus ihrem Häuschen heraus und als sie merkten, dass wir uns genau so freuten wie sie, rannten sie auf uns zu – nicht weniger stürmisch als die zwei Hunde am Abend zuvor. Wir nahmen jedes einzelne in den Arm, als wären wir nie getrennt gewesen.

Sie überraschten uns mit einem neu eingeübten Lied, frischen Rosen und Zeichnungen. Dieser liebevolle Empfang überwältigte uns – damit hätten wir nicht gerechnet. Wir genossen die Zeit mit ihnen und stellten fest, dass sich jedes einzelne Kind in diesen fünf Monaten weiter entwickelt hatte. Brayton und Elia sind richtig gute Freunde geworden und für jeden Spass zu haben. Jovin spielt immer noch sehr gerne alleine und scheint die Zeit alleine noch mehr zu geniessen als vorher. Neben Glory singt nun auch Jesca lauthals mit und tanzt leichtfüssig zum Rhythmus. Und die kleine Princess ist selbstbewusst geworden und behauptet sich in der Gruppe.

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Malala & Mahatma – entspannt wie selten zuvor

Je mehr wir sahen, desto beeindruckter waren wir. Es hingen selbstgebastelte Schäfchen und Schiffchen im Esszimmer. Drinnen sowie draussen war alles picobello. Die Hunde lagen entspannt im Schatten und liessen sich durch das freudige Kreischen der Kinder beim Spielen nicht aus der Ruhe bringen. Bis vor 5 Monaten noch mussten wir die zwei Wildfänge jeweils an die Kette hängen, wenn die Kinder draussen spielten. Die Nannies, die Sozialarbeiterin und das Sicherheitspersonal schienen ein eingespieltes Team zu sein und sich gegenseitig falls nötig auszuhelfen.

Unsere Angestellten sind während unserer Abwesenheit über sich selbst hinaus gewachsen.

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Harriet (Sozialarbeiterin), Stella & Gift (Nannies)

Dies alles zu sehen, erfüllte uns zum ersten Mals seitdem wir an der Erfüllung unseres Herzensprojekt arbeiteten mit Stolz. Stolz auf unsere Angestellte, Stolz auf die Kinder und auch Stolz auf uns selber. So viele Hindernisse mussten wir überwinden und jetzt übertrifft das Resultat unsere Erwartungen bei weitem.

Natürlich erwartete uns auch ein bisschen „Arbeit“ in dieser Woche. Peter konnte es nicht lassen und baute zusammen mit Hamza einen neuen Ziegenstall. Denn es gab vor wenigen Tagen Nachwuchs und der grossgewachsene Geissbock soll zukünftig von den Zicklein getrennt werden.

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Neuer Ziegenstall

Auch nutzen wir die Zeit für Gespräche mit unserem Steuerberater und Anwalt, um bürokratische Angelegenheiten zu klären. Zudem standen Aufnahmeprüfungen für unsere Ältesten für die 1. Klasse an. Wir entschieden uns für eine sehr nahegelegene Schule, welche von Amerikanern gegründet wurde und eine gute Qualität verspricht. Jedes Jahr kommen amerikanische Lehrer nach Tansania, um ihre tansanischen Kollegen zu schulen. Für einen kurzen Aufnahmetest verbrachten wir geschlagene fünf Stunden an der Schule und Yvonne ärgerte sich schon fast wieder, wie eine tansanische Schule von 4-6 Jährigen, die den Aufnahmetest für die 1. Klasse machen, bereits erwartet, sie könnten bis 100 addieren und subtrahieren, ja sogar multiplizieren. Afrikanische Logik halt, da darf man nicht zu viel hinterfragen 😉 Elia und Brayton haben auf jeden Fall Anfang Januar ihren ersten Schultag und freuen sich schon gewaltig.

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Aufnahmeprüfung zur 1. Klasse

Auch wenn wir eine wundervolle Woche in Tansania verbrachten, bereuten wir es nicht, unseren Lebensmittelpunkt wieder nach Europa verlegt zu haben. Das politische Klima Weissen gegenüber hat sich weiterhin verschärft. Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse werden noch sparsamer ausgestellt und das Finanzamt lässt keine Gelegenheit verstreichen, Steuern einzutreiben (ob zu Recht oder Unrecht).

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Kinder freuen sich über mitgebrachte Wolldecken und -mützen (Spende vom katholischen Frauenbund Sulzberg)

Umso mehr freuen wir uns, dass das Projekt auch ohne unsere stete Anwesenheit vor Ort Zukunft hat und den Kindern eine liebevolle Oase zum Aufwachsen schenken kann. Wir kommen bestimmt bald wieder. Tutaonana! (Wir sehen uns!)

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Ein Gedanke zu “Wiedersehen nach 5 Monaten

  1. Hallo, Ihr Zwei, so schön, diese guten Nachrichten zu lesen! Ihr habt Euch da wirklich unglaublichen Herausforderungen gestellt und mit Eurem Kinderhaus etws ganz Tolles geschaffen! Die Kinder sehen so glücklich und zufrieden aus. Ihr könnt echt stolz auf Euch sein!

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