1 Jahr Tansania (2/3)

Vor ziemlich genau einem Jahr sind wir in Tansania voller Tatendrang, Elan und Naivität angekommen. Wir dachten die afrikanische Mentalität bereits zu kennen, doch wir waren blutige Anfänger und sind es in gewisser Hinsicht bis heute noch. In dieser Blogserie blicken wir zurück und greifen ein paar Themen auf, die uns in diesem Jahr besonders geprägt haben. Hier gehts zu Teil 1 und 3.

Dieser Beitrag handelt von unseren Erfahrungen mit Tansaniern, insbesondere von unseren Freunden im kleinen Hardware Laden und unseren Angestellten. So gern wir sie auch haben, sie bringen uns immer mal wieder zur Verzweiflung.

Keine Eile in der Shoppingmeile

In Deutschland wird Kundenzufriedenheit großgeschrieben. Der Kunde ist König und wir versuchen seinen Wünschen zuvorzukommen. Im kleinen Hardware Laden in Leganga ist dem nicht so. Hier ein typisches Beispiel:

Du gehst in den kleinen Shop und möchtest ein paar Nägel kaufen. Du bist der einzige Kunde. Du lehnst an den Tresen, grüßt freundlich und wartest auf eine Reaktion. Der Verkäufer spielt an seinem Handy, scheint dich nicht zu bemerken und macht keine Anstalt, sich aus seinem Plastikstuhl zu bewegen. Du kennst das Spiel und ohne eine Regung abzuwarten sagst du ihm direkt was du willst. Erst jetzt hebt er seinen Kopf und schaut dich mit einem Blick an, der soviel bedeutet wie: Warum störst du mich? Du siehst doch, dass ich beschäftig bin! Er bringt dir widerwillig ein paar Nägel. Natürlich sind es die falschen. Du bittest ihn, die chaotischen Regale nach anderen Nägeln abzusuchen. Irgendwann findet er die richtigen und du nimmst so viele, wie du brauchst oder eben gerade verfügbar sind.

Shop
Hardware Laden in Leganga

Ok, Sache erledigt, denkt sich der Verkäufer. Doch du als pflichtbewusster Ausländer verlangst natürlich nach einer Quittung. Mit einem tiefen Seufzer kramt der Bursche den Quittungsblock hervor, sucht nach einem Stift und beginnt fein säuberlich zu schreiben. Doch noch immer bist du nicht zufrieden. Du möchtest eine elektronische Rechnung, die die Mehrwertsteuer ausweist und den Besitzer des Shops dazu verpflichtet, die 18% MwSt. dem Finanzamt abzustottern. Jetzt ist der Verkäufer völlig genervt. Er tippt was in seine kleine Maschine ein, doch die gibt keinen Mucks von sich. „Network problem“, sagt er. Wir sollen die Quittung morgen abholen.

Dich nervt das Ganze mittlerweile auch. Du wolltest doch bloß ein paar Nägel kaufen und nun stehst du schon geschlagene 15 Minuten an diesem Tresen bei 30° im Schatten. Du murmelst ein paar deutsche Flüche vor dich hin, packst deine Nägel und die handgeschrieben Quittung und machst dich vom Acker. „Das ist das letzte Mal, dass ich in diesem Laden was gekauft habe!“, denkst du noch. Doch noch währendem du diesen Vorsatz fasst, gibst du ihn auch gleich schon wieder auf. Denn du weißt: Die meisten anderen Shops sind genau so und irgendwo musst du ja schließlich einkaufen gehen.

Staff einarbeiten

Nicht nur beim Einkaufen, auch beim Einarbeiten unserer Angestellten gab es immer wieder Situationen, die uns vor den Kopf stießen. Dazu ein paar Anekdoten.

Nelly und Hamza sind unsere zwei Gärtner bzw. Sicherheitspersonal für den Tag. Sie sind fleißig und führen Anweisungen meistens zuverlässig durch. Doch wie sie es machen, lässt uns manchmal den Kopf schütteln. Hamza kümmert sich z.B. um unsere Gartenhecke. Wann immer sie zu arg wuchert, schneidet er sie zurecht. Dabei beginnt er gleichzeitig an fünf verschiedenen Stellen, kehrt dann den Boden an drei Stellen zusammen, um dann wieder an einem neuen Ort weiterzustutzen. Irgendwann ist die Hecke fertig aber warum arbeitet man so völlig ohne Struktur und Plan?

Hecke
Hamza stutzt die Hecke

Nelly ist für den Gemüsegarten zuständig. Wenn die Sonne im Zenit steht und auf die Erde brennt, lechzen die Pflänzchen nach Wasser. Liebevoll gießt er dann abends alle möglichen tansanischen Spinatsorten von Mnaf über Mchicha doch unsere Salat- und Roterübenpflänzchen übersieht er. Was er nicht kennt, wird nicht gegossen oder warum gießt er bloß die Hälfte?

Giessen
Nelly kümmert sich um den Spinat

Hosiana, Stella und Gift sind unsere drei Betreuerinnen. Alle drei haben eine einjährige Ausbildung absolviert und sind für hiesige Verhältnisse für die Arbeit in einem Kinderheim sehr gut geschult. Sie kümmern sich auch um den Haushalt. Täglich wischen sie den Boden, doch nehmen dabei die staubigen Möbel oder Flecken an der Wand nicht wahr. Wenn Lebensmittel ausgehen, wird das erst gemerkt, wenn die Packung komplett leer ist. Einen Einkaufszettel zu erstellen oder frühzeitig einkaufen zu gehen ist ihnen unbekannt. Sie machen das nicht mit böser Absicht. Sie sehen es einfach nicht. Aber warum?

Basteln
Unsere Nanny Stella lernt basteln.

Trotz ihrer Ausbildung wollten sie anfangs den dreijährigen Kindern am liebsten von früh bis spät Buchstaben und Zahlen beibringen. Dazu standen sie an der Wandtafel, zeigten auf einen Buchstaben, lasen ihn vor und die Kinder sollten brav nachsprechen. Sie kannten keine Bastelarbeiten, nur wenige Kinderspiele und fragten selten ein Kind nach dem „warum“. Als wir nicht dabei waren, haben sie dem Ältesten Brayton die ersten zwei Milchzähne gezogen. Sie haben zwar leicht gewackelt, waren jedoch noch lange nicht reif, um auszufallen. Sie dachten, das gehöre sich so. Andernfalls würden die neuen Zähne nicht nachwachsen. WARUM?!?

Zahnluecke
Brayton´s erste Zahnlücke

Unser Fazit

Wir haben wirklich viel beobachtet im letzten Jahr und überlegt, warum das alles so ist. Warum viele Tansanier die Arbeit nicht sehen, wie wir sie sehen. Warum Dinge, die für uns selbstverständlich sind, für viele hier völlig weit her geholt sind und warum man einem armen Fünfjährigen die Milchzähne auszieht.

Wir kamen auf eine simple Antwort: Sie können und wissen es einfach nicht besser. Es ist zwar manchmal unvorstellbar für uns aber es ist eine Tatsache. Und warum können sie es nicht besser? Weil es ihnen keiner gezeigt hat. Weder ihre Eltern noch die Lehrer konnten ihnen z.B. strukturiertes Arbeiten lehren. In öffentlichen Schulen kommen z.T. bis zu 170 Schüler auf 2 Lehrer in einem Raum. Da ist der Lehrer froh, wenn alle irgendwann mal lesen und schreiben können. Da ist kein Platz für individuelle Förderung, Interaktion, Gruppenarbeiten, Musik- oder Handarbeitsunterricht. Wie kann da logisches Denken gedeihen? Nur ein kleiner priviligierter Teil der Bevölkerung kommt in den Genuß von einer guten Bildung, alle andern müssen sich mit weniger zufrieden geben.

Es stimmt uns nachdenklich und im Alltag bedeutet dies, dass noch viel Arbeit mit unserem Personal auf uns zukommt. Unsere Geduld und Mitgefühl sind gefragt. Wir versuchen weiterhin, ihnen unsere Werte und Vorstellungen vorzuleben und sie in gewissen Themen zu schulen. Viel mehr können wir nicht tun. Denn viel Tadel bringt nichts, wenn es jemand einfach nicht besser kann und weiß. Es fehlt in diesem Land noch immer an einer umfassenden Bildung, die über Lesen und Schreiben hinausgeht und zum eigenständigen Denken anregt.

Kreis
Kreisspiele im Garten mit Hosiana

Trotz allem haben wir die Tansanier und insbesondere unsere Angestellten ins Herz geschlossen und wir möchten sie nicht mehr missen. Auch deshalb, weil wir unser Herzensprojekt ohne sie nie in die Tat umsetzen könnten. Und wenn wir ehrlich sind, haben sie im letzten Jahr nicht nur von uns gelernt, sondern wir auch von ihnen. Doch mehr dazu im 3. Teil dieser Blogserie.

8 Gedanken zu “1 Jahr Tansania (2/3)

  1. Hallo Yvonne & Peter, es ist sehr spannend euer Projekt und Abenteuer zu verfolgen.
    Ich bin Jürgen aus Durach und habe erst an Weihnachten von eurem Projekt in Tansania gehört. Robert Wirth, bei dem wir in Miete wohnen, hat mir von euch erzählt und seitdem verfolge ich eure Taten und Erlebnisse.
    Einerseits finde ich es toll, mit welchem Elan und Tatendrang ihr eure Arbeit macht, die ja alles andere als selbstverständlich ist. Andererseits leide ich ein wenig mit euch, wenn es um die Mentalität und das Verständnis der einheimischen Mitarbeiter im Projekt geht. Es ist natürlich auch nicht ganz zu verstehen, wenn Mitarbeiter im Shop ein solches Verhalten zeigen, obwohl sie doch wissen sollten, was ihr mit eurer Arbeit bezweckt und welche Mühe es euch kostet um den Kindern und damit allen im Umfeld zu helfen.
    Ich finde eure Arbeit ganz toll und wünsche und allen Mithelfern alles Gute und weiterhin viel Erfolg.
    Schöne Grüße aus dem sonnigen, aber kalten Allgäu
    Jürgen

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    1. Lieber Jürgen,
      vielen Dank für deine Nachricht. Wir freuen uns immer über Feedbacks, insbesondere wenn sie aus unserer Heimat, dem Allgäu kommen 🙂
      Die hiesige Mentatlität macht tatsächlich einges komplizierter, als es in unseren Augen sein müsste. Doch was soll man tun? Es ist, wie es ist. Im kommenden Beitrag werden wir jedoch auch die Sonnenseiten unseres neuen Lebens hier in Tansania mit euch teilen. Es lohnt sich also, wieder rein zu klicken.
      Viele Grüße aus Tansania
      Peter & Yvonne

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  2. Liebe Yvonne,
    mal wieder habe ich euren interessanten Blog gelesen, wenn selbst Du mit Deiner ruhigen Art an Deine Grenzen kommst…ich will mir gar nicht vorstellen, wie das für mich wäre (-;
    Wie geht es „euren“ Kindern? Habt ihr schon Nachwuchs in´s Auge gefasst? Ich habe gehört, dass Jasmin, Nadine und Marissa bei euch zu Besuch waren, eine tolle Idee! Leider habe ich noch keine von den drei getroffen, sie hätten sicher interessante Dinge zu erzählen. Neulich hatte ich die Idee, ob nicht vielleicht Marissa mal in die Schule kommen möchte, um euer Projekt vorzustellen, ich habe ja inzwischen schon wieder einen neuen Kurs und evtl. würde die/ der eine oder andere auch etwas spenden. Wie kommt ihr mit euren Plänen hinsichtlich Tourismus voran, ist das noch Thema, oder seid ihr mit dem Waisenheim genug eingespannt?
    Du siehst schon, worauf das hinaus läuft: ich könnte mir auch gut vorstellen, Tansania einmal zu besuchen und natürlich ist es schön, wenn man zuerst mal eine Anlaufstelle hat.

    Ich wünsche euch auf alle Fälle eine gute und fruchtbare Zeit
    Herzliche Grüße
    Von
    Sabine

    Sabine Schröpfer
    Lehrerin für Pflegeberufe
    Fürstenstr. 33-35
    87439 Kempten
    Tel. 0831/ 530-3444
    sabine.schroepfer@kv-keoa.de

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  3. Liebe Yvonne, lieber Peter,
    Ihr seid einfach total klasse! Ich freue mich jedesmal riesig, wenn es was Neues zu lesen gibt von Euch und den kids. Ich wünsche Euch weiterhin ganz viel Geduld und Freude – Euren Erfolg kann man jetzt schon an den Fotos von den Kindern mit ihren strahlenden Augen sehen!
    Lasst mich wissen, wenn wir etwas für Euch tun können.
    Liebste Grüße aus dem Allgäu
    Heike

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    1. Liebe Heike,
      vielen lieben Dank für deine Nachricht und lieben Worte. Wir freuen uns genau so, die Kindern in ihrer Entwicklung zu beobachten und zu sehen, was wir für sie bewirken können. Dieses Gefühl ist unbezahlbar!
      Herzliche Grüße auch von Peter
      Yvonne

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