Schlimmer geht immer – leider

Drei Kinder leben bisher mit uns im Bassari Kinderheim, weitere neun Betten sind frei. Wir machten uns auf zu weiteren Hausbesuchen in Problemfamilien. Dieses Mal in einer neuen Region. Unser Freund und Bürgermeister von Ngyani, Shili, organisierte eine Tour mit dem Counselor vom benachbarten Bezirk. Wir trafen uns um 11 Uhr vormittags. Wir rechneten mit ca. 2-3 Stunden. Doch da wussten wir noch nicht, wohin wir tatsächlich fahren und was wir alles sehen würden.

Nach ein paar Kilometer Hauptstraße bogen wir auf eine Schotterpiste ab und fuhren stetig bergauf. Links und rechts der Piste standen viele Häuser – es schien eine dicht besiedelte Region zu sein. Immer weiter ging es. Unser Cruisy (unser Auto) schüttelte uns durch, als ob wir in einer Schneekugel säßen. Nach über einer Stunde kamen wir im ersten Dorf an und wurden vom dortigen Bürgermeister schon erwartete. Sie waren gut organisiert und hatten bereits eine Liste mit den betroffenen Kindern vorbereitet. Also verloren wir keine Zeit und zogen von einer Familie zur nächsten.

Wir würden von uns selbst behaupten, dass wir in den letzten Monaten doch schon einiges gesehen und gehört haben und uns nichts mehr so schnell umhaut. Doch hier trafen wir auf Schicksale, die uns doch tief betroffen machten.

Eine Mutter war mittags um 12 bereits stark alkoholisiert – Pombe, lokales Bier. Sie hat drei Kinder, lebt mit ihnen in einer ca. 5qm2 großen Holzhütte. Anstatt einer Matratze liegen ein paar Tücher auf Brettern. Das älteste Kind ist 5. Es spiele irgendwo, sie wisse selbst nicht wo es gerade sei. Von ihrer Familie wird sie nicht unterstützt, denn aufgrund ihres Alkoholkonsums und ihren Männergeschichten hat sie einen schlechten Ruf. Jedes der drei Kinder stammt von einem anderen Mann. Sie hat keine Arbeit oder Einkommen und wenn sie dann doch mal ein bisschen Geld hat, gibt sie es für Alkohol aus.

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Im rechten Holzhüttchen lebt eine Mama mit 3 Kinder
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Ihr Bett – da schlafen sie zu viert

Wir besuchten ihre Familie, um nachzuvollziehen, ob ihr denn wirklich keiner helfen kann. Dort trafen wir auf ihren Onkel. Er verneinte und als wir schon kurz vor dem Gehen waren, stellte er uns noch zwei weitere Kinder von seiner Familie vor, die dringend Hilfe benötigen. Zwei kleine Buben, ca. 3 Jahre alt. Beide hatten „Hungerbäuche“ aufgrund Mangelernährung, ein eher seltene Erscheinung im Großraum Arusha. Der eine hatte zusätzlich ein Hautproblem auf der Brust. Das sei plötzlich da gewesen, der Onkel wisse auch nicht so recht, woher das käme. Aber ins Krankenhaus hat man es bis heute nicht geschafft. Zu weit, zu teuer, zu viel Aufwand.

Ein paar Häuser weiter trafen wir auf zwei Geschwister allein Zuhause. Weit und breit war kein Erwachsener in Sicht. Das Mädchen war ca. 5 Jahre alt, der Junge 2. Die Mutter sei HIV positiv und arbeite in einem entfernten Dorf in einer Bar. Sie komme so gut wie nie nach Hause. Jetzt „kümmert“ sich die Oma. Tagsüber helfe sie jedoch im Krankenhaus mit und die Kinder sind alleine. Das Mädchen hat Augenprobleme, als ob ein weißer Schleier sie verdecken würde. Im Dorf könne die Krankenstation nicht weiter helfen. Ein Besuch im Krankenhaus in der Stadt sei jedoch zu teuer. Der junge Bub ist völlig verängstigt und hängt an seiner älteren Schwester wie ein Klammeräffchen. Sie scheint die wichtigste Bezugsperson für ihn zu sein – und das mit 5 Jahren (!). Er hat eine unversorgte, infizierte Wunde am Kopf und an der einen Fingerkuppe scheint das Gewebe zu wuchern oder bereits abgestorben zu sein. Es könnte auch Dreck sein, es ist nicht so genau ersichtlich. Keiner interessiert sich dafür.

Weiter besuchen wir eine Frau mit zwei Kindern. Ihr Mann hat vor wenigen Wochen Suizid begannen. Jetzt steht sie alleine da, ohne Plan, wie sie die Kinder versorgen soll.

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Es ist mittlerweile 4 Uhr nachmittags. Wir sind völlig erschlagen von den vielen Eindrücken. Doch ein Dorf weiter wartet der nächste Bürgermeister. Auch da müssen wir vorbei schauen. Auf dem Weg dorthin sammeln wir ein ca. 12-jähriges Mädchen auf dem Nachhauseweg von der Schule auf. Sie wohnt drei Dörfer weiter. Sie rennt jeden morgen zur Schule und abends wieder zurück. Sie benötigt 3 Stunden für einen Weg. Um pünktlich zur Schule zu kommen, muss sie um 5 Uhr früh das Zuhause verlassen. Wenigstens an diesem Tag hatte sie Glück und wir nahmen sie ein Stückchen mit.

 

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Das Zuhause von einer Mama mit vier Kindern

Wir besuchten weitere Familien, sahen Lehmhäuser mit improvisierten Dächern, die beim kleinsten Regen durchlässig sind und erhielten etliche flehende Blicke, wir sollen ihnen doch bitte helfen. Wir waren schon an dem Punkt, dass wir dachten, jetzt haben wir dann alles gesehen, doch dann kam nochmal ein Knüller. Wir besuchten drei Kinder, die mit ihren Großeltern leben. Im Gespräch stellte sich raus, dass der ca. 80-jährige Opa nicht der Opa, sondern der Vater ist. Die Oma ist die erste Frau des Mannes, die Kinder stammen jedoch von seiner zweiten Frau, die verstorben ist. Die alte Dame schien geistig nicht ganz klar zu sein, der Alte war auch ein bisschen wirr. Insgesamt hat er 11 Kinder, keines davon hat die Schule abgeschlossen. Sogar unsere Sozialarbeiterin Harrieth, die wirklich schon viel gesehen hat, war für einen Moment sprachlos und schockiert.

 

Opa

An dieser Stelle waren wir alle völlig platt von und hungrig, weil wir seit dem Frühstück nichts mehr zwischen die Zähne bekommen hatten. Wir unterbrachen die Home visits an dieser Stelle. Doch die Liste mit den Kindern ist noch nicht abgearbeitet, wir werden zurückkommen und auch die restlichen noch besuchen.

Zum Abschluss lud uns der Counselor in einem der Dörfer zu nyama choma, gegrilltem Fleisch, (ohne alles) ein. Sogar der „Fast-Vegetarier“ Yvonne griff kräftig zu. Abends um 8 Uhr erreichten wir erschöpft endlich unser Zuhause – gerade noch rechtzeitig, um den Kindern Gute Nacht zu wünschen. Wir ließen uns in unsere Sessel fallen und erst jetzt wurde uns so langsam bewusst, was wir da alles gesehen hatten. Die Betroffenheit kam hoch und mit ihr das Unverständnis, wie man so kleine, hilflose Kinder auf körperlicher und emotionaler Ebene derart vernachlässigen kann.

Es scheint, als käme noch viel Arbeit auf uns zu.

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Ein Gedanke zu “Schlimmer geht immer – leider

  1. Oh mein Gott, wie furchtbar diese Not! Die armen Kinder, warum gibt es für sie so wenig Hilfe in dieser Region? Ich wünsche euch ganz viel Kraft für diese Aufgabe und ganz viel Zuversicht, dass ihr diesen verlassenen Kindern helfen könnt.

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