Woche 1

Die erste Woche mit den Kindern ist verstrichen und wir können uns einen Alltag ohne sie schon fast nicht mehr vorstellen. Der Tagesablauf spielt sich so langsam ein und bei jedem einzelnen kommen allmählich die Charakterzüge zum Vorschein.

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„Znünipause“ / Brotzeit – Glory, Jovin & Brayton

Brayton (5) ist der älteste und isst schon wie ein Weltmeister. Wären fünf Chapati auf seinem Teller, er würde allesamt verputzen. Ganz nach seinem neuen Vorbild Peter. An ihm hängt Brayton ganz besonders und er sucht stets seine Nähe und Aufmerksamkeit. Draußen liebt er es mit dem Fußball zu spielen. An seiner Treffsicherheit muss er jedoch noch arbeiten – gestern hat er volle Kanne Glory´s Kopf abgeschossen. Doch afrikanische Kinder sind etwas „zäher“ als die europäischen, so sind weder Tränen geflossen noch böse Worte gefallen. Anfangs wollte Brayton bei den Kinderliedern partout nicht mitsingen. Wir vermuten ja, er war etwas frustriert, weil die jüngere Glory schon viel besser singen konnte als er. Doch mittlerweile hat auch er sich ans Singen gewöhnt und stimmt lauthalt in die Melodie von „In the jungle – the mighty jungle“ mit ein. Im Allgemeinen sind es sehr viele neue Eindrücke für ihn: Nicht nur das Singen, auch das Malen (wie halte ich einen Stift?), Bilderbücher Anschauen und den Nannies aufmerksam Zuhören fällt ihm teilweise noch schwer. Niemand hat sich vorherin dieser Hinsicht um ihn gekümmert. So erstaunt es auch nicht, dass er mit 5 die unterschiedlichen Farben noch nicht benennen konnte.

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Brayton

Glory (3) hat vorher bei ihrer Oma und ihrer sehr jungen Tante gelebt. Beide haben alles gegeben, um trotz den widrigen Umständen ihr so viel wie möglich mit auf den Weg zu geben. Ihre Tante hat sogar die Schule verlassen, um sich um Glory kümmern zu können. So war Glory die einzige, die ein paar „anständige“ Kleider (ohne Löcher und frisch gewaschen) mitgebracht hat. Von ihrer Oma bekam sie zum Abschied sogar einen kleinen Plüsch-Fisch (Dorry aus Nemo) und vorsorglich ein paar Kekse als Heimwehtröster. Die Angehörigen sind jetzt umso dankbarer, dass ihr eine neue Perspektive geschenkt wird und sie hoffentlich die Armutsspirale durchbrechen kann. Diese Prägung von Zuhause zeigt sich auch jetzt bei Glory: Sie hält ihren Löffel korrekt in der rechten Hand, kennt bereits ein paar Lieder von der Sonntagsschule und bedankt sich höflich nach dem Essen. Glory oder Gilo, wie wir sie auch liebevoll nennen, singt und tanzt fürs Leben gern. Singen die Nannies ein neues Lied vor, spitzt sie ihre Ohren und versucht so schnell wie möglich mit einzustimmen. Auch den Bilderbuchgeschichten vom Elefanten oder vom Massai der ins traditionelle Bananenbier spuckt (das soll wohl Glück bringen für alle, die nachher daraus trinken) hört sie aufmerksam zu, um ja kein Detail zu verpassen.

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Glory

Unser derzeit Jüngster ist Jovin (3). Bei unseren ersten Hausbesuchen wirkte er in sich gekehrt, abwesend und schaute uns mit seinen großen Kulleraugen ängstlich an. Er hat eine schwierige Geschichte hinter sich. Wir können nur ansatzweise erahnen, was tatsächlich alles passiert ist. Als wir ihn zusammen mit den anderen zwei ins Krankenhaus zum medizinischen Checkup brachten, weinte er erst und wollte zurück zu seiner Oma. Yvonne hielt ihn während der Autofahrt in den Armen und nach wenigen Minuten beruhigte er sich. Dann blieb er während der ganzen 40 minütigen Fahrt in Yvonnes Armen ohne jegliche Regung. Die anderen zwei schwatzen, zeigten sich gegenseitig die vorbei brausenden LKWs doch Jovin blieb einfach in sich gekehrt auf Yvonnes Schoß liegen. Als er dann ins Bassari Haus einzog war er anfangs immer noch weinerlich, hatte Heimweh und interagierte kaum mit den anderen zwei. Singen und Spielen war für ihn völlig fremd. Dann begann er das neue Umfeld zu beobachten und öffnete sich immer mehr. Die Veränderung zeigt sich am besten in seinem Gesichtsausdruck. Er wird immer offener und teilhabender. Seine dunklen Kulleraugen sind immer noch groß aber es spiegelt sich nicht mehr die Angst sondern die Neugierde. Er saugt die neuen Eindrücke auf und fängt an, mitzusingen und mit den anderen zwei zu spielen. Er scheint zu spüren, dass auch er dazu gehört.

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Jovin

Wir dachten ja schon, dass es was Großes ist, was wir hier machen. Deshalb sind wir ja hier. Doch dass es für die Kinder und ihre Entwicklung SO GROSS ist, haben wir uns nicht in den kühnsten Träumen vorstellen können. Wir machen nichts besonderes mit den Kindern, wir haben keine fancy Spielsachen – wir kümmern uns nur ums sie, sehen ihnen zu, wenn sie die ersten Tiere auf englisch lernen und bestärken sie, wenn sie stolz und erwartungsvoll in unsere Richtung schauen. Und dann strahlen sie, wachsen vor Freude und Stolz um gefühlte 2 cm und machen eifrig weiter. Darauf haben wir seit Jahren hingearbeitet und wir sind überwältigt und unglaublich dankbar, jetzt wo wir endlich die ersten Veränderungen bei den Kindern sehen.

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