Der Lauf des Lebens

Vor gut zwei Wochen haben wir unsere schwerkranke Nachbarin ins Krankenhaus gebracht. Wir erschraken dazumal schon von ihrem Zustand, doch wir dachten, die Ärzte können bestimmt nochmal was richten. Doch leider war dem nicht so. Sie verstarb letzten Mittwoch. Anande ist 37 Jahre als geworden. Sie hinterlässt ein Mädchen mit neun Jahren.

Am Tag darauf besuchten wir die Trauerfamilie zum Kondolieren. Vorher ließen wir uns über Sitte und Bräuche der Meru in solch einer schwierigen Situation unterrichten. Die Frauen kondolieren bei der Frau, in diesem Fall die Bibi (Oma) bzw. Mutter der verstorbenen Frau und die Männer beim Babu (Großvater). Zusätzlich ist es Gebrauch, dass Frauen Kangas (bunte Baumwolltücher mit einem religiösen Spruch) tragen.

Kanga

Yvonne warf sich also einen Kanga um und besuchte die Bibi im Haus. Sie lag auf einer dünnen Matratze auf dem Boden. Yvonne fehlten die Worte. Es lag nicht nur an ihren bescheidenen Swahili Kenntnissen, sondern viel mehr an der Situation. Gibt es die richtigen Worte, wenn eine Mutter ihr Kind verliert? Nein, die gibt es nicht. Doch ein Blick oder eine Berührung kann das Mitgefühl ausdrücken, das man in diesem Moment mit ihr teilt. Da muss man nicht die gleiche Sprache sprechen.

Es folgte die Anfrage, ob wir bei der Beerdigung mit unserem Fahrzeug aushelfen könnten. Wir sagten wieder einmal zu, ohne genau zu wissen, was auf uns zukommen würde.

Krater

Mit einem frisch geputzten Auto warteten wir in der Früh um halb neun auf weitere Instruktionen. Es stellte sich heraus, dass wir den Bibi-Transport, den Oma-Transport, übernahmen. Schnell organisierten wir noch eine leere Getränkekiste, damit alle problemlos in unser hohes 4×4 Auto einsteigen konnten. Eine Bibi wollte auch noch mit und rannte uns entgegen, eine weitere nahmen wir auf dem Weg mit. Jetzt waren wir komplett. Kurz darauf gings los: Die acht Bibis stimmten ihr erstes Lied an. Nach den ersten drei Tönen hatten wir bereits Gänsehaut. Inbrünstig und aus voller Kehle sangen sie ein Lied nach dem anderen. Es waren keine schweren Kirchenlieder, die wir von Beerdigungen kennen. Es waren Lieder voller Hoffnung und Kraft. Gemeinsames Singen ändert zwar keine Tatsachen aber man trägt sich gegenseitig und es macht das Unausweichliche etwas leichter.

Sie sangen bis wir das Nkoaranga Hospital erreichten. Vor der Leichenhaus warteten weitere Angehörige. Frauen stützten sich gegenseitig, Männer dekorierten die Stoßstangen der Autos mit Blumen. Der Sarg wurde auf einen Pickup geladen und dann fuhren die vier Autos hintereinander mit eingeschalteten Warnlichter nach hause, wo die Beerdigung und Beisetzung stattfinden sollten. Auf dem ganzen Rückweg sangen die Bibi für Anande. Fußgänger, die wir kreuzten, schauten mitfühlend und sogar die großen LKW vom Straßenbau, die sonst mit 80km/h über die Schotterpisten rasen, bremsten ab und ließen uns den Vortritt.

Zuhause folgte ein Gottesdienst. Mehrere Hundert Besucher kamen, um Anteil zu nehmen. Die Frauen traditionsgemäß auch hier in bunte Kangas gehüllt. Schwarz gekleidete Menschen suchte man vergeblich. Ein provisorisches Zelt aus Planen bot etwas Schatten für die Sitzplätze. Der Großteil der Anwesenden saß jedoch auf dem Boden zwischen Maispflanzen, Kaffee- und Bananenstauden. Nach der Beisetzung folgte der Leichenschmaus. Aus riesen Töpfen wurde Makande und Pilaureis für jeden Anwesenden geschöpft und von Nachbarsbuben verteilt.

Dann ging´s an den Abwasch. Traditionell übernehmen dies die Frauen und Mädchen aus der Nachbarschaft. Yvonne konnte sich also nicht drücken. Der Kanga wurde hochgeschnürt und zusammen mit ca. 30 Frauen machte sie sich an die Arbeit. Ruckizucki waren die vielen Teller gespült und Yvonne hatte neue Bekanntschaften geschlossen.

Noch ein letztes Mal wurde bei der Trauerfamilie kondoliert. Jetzt sei alles gut, damit sei die ganze Angelegenheit beendet. Wir ließen uns erklären, dass sobald der Körper begraben ist, die Trauer vorbei sei und das normale Leben weiter gehe. Keine schlechte Einstellung.

Krater2

Die Leute machten sich auf den Nachhauseweg und wir gingen auf zu unserer Freundin Mama Gaby. Vor zehn Tagen wurden wir nämlich für einen anderen Transportservice angefragt: Wir durften Mama Gaby und ihr neugeborener Junge Gino vom Krankenhaus abholen. Nicht nur der Vater Papa Gaby ist vor Stolz um ein paar Zentimeter gewachsen, auch wir freuten uns von Herzen. Wir hielten also Gino auf unserem Arm und betrachteten sein feines Gesicht. Das ist das Leben. Menschen kommen und Menschen gehen. Wir alle kommen und gehen auf die gleiche Art und Weise. Egal aus welchem Land wir stammen, welche Hautfarbe wir haben, welche Religion wir folgen, ob reich oder arm: Wir werden als hilflose kleine Geschöpfe geboren und wenn die Zeit reif ist, werden wir die Erde wieder verlassen. In diesen zwei Momenten gibt es keine Unterschiede mehr. Da sind wir alle gleich.

2 Gedanken zu “Der Lauf des Lebens

  1. Das erinnerte mich an was. Als ich eines Nachts solch einen Gesang hoerte, berichtete ich am naechsten Morgen dass ich glaub ne Hochzeitsgesellschaft oder vielleicht Geburtstagsfeier gehoert habe 😉 nur um dann zu erfahren dass es ne Trauerfeier war.

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