Hallo Nachbarn

Es war an der Zeit, sich endlich bei unseren Nachbarn vorzustellen. Die einen hatten wir schon von Weitem gegrüßt, doch eine offizielle Vorstellungsrunde war noch ausstehend. Um einen guten Eindruck zu hinterlassen, backte Yvonne Bananen-Erdnuss-Kuchen, die wir ihnen als kleines Geschenk mitbrachten.

bananenkuchen

Die Region am Fuße des Mount Meru ist im Vergleich zu vielen anderen Regionen in Tansania eher wohlhabend. Es gibt verhältnismäßig viel Wasser, was die Landwirtschaft begünstigt, und die Nähe zu Arusha bietet den Menschen doch mehr Arbeitsmöglichkeiten als anderswo. Bis dahin gingen wir davon aus, dass die Menschen hier im idyllischen Bananen- und Kaffeeparadies zwar sehr einfach lebten aber doch einen gewissen Standard genossen. Das war bevor wir unsere Nachbarn im Umkreis von 70m um unser Zuhause herum besucht hatten.

Im ersten Haus wohnte Elli und William, ein älteres Pärchen. Sie freuten sich sehr über unseren Besuch und hießen uns mehrmals herzlich willkommen. Falls sie irgendwo Gefahr sehen würden, wären sie die ersten, die uns zu Hilfe eilen würden. Ihr Haus war sehr bescheiden. In den Fensterrahmen fehlten die Scheiben, Vorhänge mussten als Schutz ausreichen. (Kleien Anmerkung: Heute hat es stark geregnet. Trotz Fensterscheiben tropfte bei uns das Wasser durch die undichten Fenster ins Zimmer. Kaum vorzustellen wie es bei einem heftigen Sturm während der Regenzeit bei ihnen Zuhause ausschaut.) Das Haus innen war grob verputzt. Keine Farbe an den Wänden, kein Schnickschnack. Ein Tisch, vier Stühle und eine alte Couch, die vermutlich auch als Bett diente. Der einzige Stolz schienen die farbenfrohen Blumen um das Haus zu sein. Sie bedankten sich sehr herzlich für den mitgebrachten Kuchen und boten uns Tee an. Leider mussten wir noch weiter, doch wir versprachen das Kaffeekränzchen nachzuholen.

Beim nächsten Haus waren bloß die Kinder zuhause. Mit ihnen war ein Hund mit einem außergewähnlich lieben Gesichtsausdruck. Doch beim Anblick seines Körpers erschraken wir. Außer Haut und Knochen war nicht mehr viel dran. Am liebsten hätten wir den Bananenkuchen ihm gegeben. In Gedanken sagten wir ihm, er sei jederzeit bei uns willkommen und zu Fressen würden wir sicher auch was finden.

 

nachbarn2

Eine Station weiter war Gladness. Eine alte hagere Dame, die wir hinter dem Haus an der Kochstelle antrafen. Wie auch die anderen, war sie gezeichnet von der vielen Arbeit. Kaum hatten wir den Kuchen überreicht, begann sie auch gleich daran zu knabbern. Wann sie wohl die letzte sättigende Mahlzeit zu sich genommen hat? Wir wissen es nicht.

Eigentlich sind wir uns bewusst, dass wir uns in einem armen Land befinden. Aus diesem Grund sind wir ja auch hier. Und doch: Was wir sahen, tat uns im Herzen weh und öffnete uns wieder einmal die Augen. Dabei handelte es sich nicht einmal um die schlimmsten Verhältnisse, in denen Menschen leben müssen. Dieses von harter Arbeit und Einfachheit geprägte Leben ist hier absolut normal. Die große Mehrheit der Bevölkerung lebt so und hat kaum eine Möglichkeit, dem zu entkommen. Wie oft kommen die Menschen hier aus ihrem Dorf raus? Wie häufig gelangen sie nur schon ins 25km entfernte Arusha? Für uns mit einem Auto ein Katzensprung. Doch für sie mit viel Umtrieb und Kosten verbunden. Für uns ist „normal“, dass alles möglich ist. Wir reisen in der Welt herum, können uns einen Beruf nach Herzenslust aussuchen und an dem Ort wohnen, wo es uns beliebt. Doch für die meisten Menschen hier gibt es all diese Optionen nicht. Und doch sind sie nicht unbedingt unglücklicher oder unzufriedener als wir. Sie haben sich mit ihrer Situation arrangiert, sie kennen nichts anderes.

Nach der Runde um unseren Gartenzaun herum waren wir etwas nachdenklich gestimmt. Vorher überlegten wir noch, ob wir die Hauswände neu streichen sollten, weil überall schmutzige Händeabdrücke zu sehen sind und wann endlich unsere Vorhänge fertig sind. Dies war nun alles wieder nebensächlich. Es gibt Wichtigeres, an dem man sich den Kopf zerbrechen kann.

 

3 Gedanken zu “Hallo Nachbarn

  1. Ja, da kann ich bei allem nur zustimmen. Ich machte die gleichen Erfahrungen wenn ich das erste mal nach Nigeria reiste und ein Kinderprojekt machte. Als ich zurueck kam fragte meine Oma „sind die Leute dort richtig arm?“ Ich stoppte und ueberlegte. Ja, die Menschen hatten nicht alle ein Auto, fancy Hausausstattung, keine Sportausruestung oder gingen zu irgendwelchen Restaurants, usw. ……. aber waren sie arm???? Sie hatten zu essen, ein Dach ueber dem Kopf und haben niemals gejammert. Was versteht man unter „arm“? Man kann zufrieden sein mit dem bisschen was man hat und unzufrieden mit einer Villa, 5 Autos, Kindermaedchen, usw. (I pity the last ones 😉

    Freu mich auf euren naechsten Bericht!
    Gott segne Euch!

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    1. Ja das stimmt. Armut ist sehr relativ und kann sich auf verschiedenen Ebenen abspielen. Nicht nur auf der materiellen. Wahre Zufriedenheit ist wohl nicht so sehr vom Äußeren abhängig, als vielmehr von unserer Einstellung und unserer Fähigkeit, uns mit den Gegebenheiten zu arrangieren.

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  2. Das ist jetzt sicher nicht einfach, damit umzugehen, ständig zu überlegen, was werden die armen Nachbarn denken, aber ich bin mir sicher, dass Ihr das richtige Händchen dafür habt. Ich wünsche Euch eine gute Zeit und viel Durchhaltevermögen mit lieben Grüßen aus dem Allgäu

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